Von 750.000 US-amerikanischen Golfkriegsveteranen berichteten etliche tausend nach Kriegsende unter anderem über neurologische und neuropsychologische Symptome unklarer Ätiologie. Die Symptome persistierten bei vielen Golfkriegsveteranen auch noch Jahre nach Beendigung des Krieges. Aufgrund der unbekannten Ursache der Symptome wurde der Begriff "Golf-Kriegs-Syndrom" geprägt (ABOU-DONIA und WILMARTH, 1996; HALEY et al., 1997a).
Nach BLANCK et al. (1995) waren die häufigsten Symptome, die von Golfkriegsveteranen benannt wurden: Chronische Müdigkeit, Ausschlag, Kopfschmerzen, Muskel- und/oder Gelenkschmerzen, neuropsychologische Beschwerden (Konzentrationsstörungen, Vergeßlichkeit, Reizbarkeit, Depressionen), Kurzatmigkeit, Schlafstörungen, gastrointestinale Beschwerden, Husten und Atemschwierigkeiten. FIEDLER et al. (1996) beobachteten bei einer Vielzahl von Golfkriegsveteranen ähnliche Symptome und weiterhin bei einer Reihe der erkrankten Soldaten zusätzlich Symptome, die denen einer Multiple Chemical Sensitivity Disorder (MCSD) ähnelten.
Diese Beobachtungen setzten eine sehr kontrovers geführte Diskussion zwischen Betroffenen und verantwortlichen Stellen bzw. armee-nahen Wissenschaftlern in Gang. So wurden neben vermuteten Giftgasangriffen (C-Waffen=neurotoxische Organophosphate), Pestizideinsätzen (Organophosphate, Pyrethroide), Insektenrepellents (DEET), Nebenwirkungen von Medikamenten (z.B. Pyridostigminbromid), unbekannten Infektionserregern, brennenden Ölquellen u.a.m. insbesondere auch Rentenbegehren sowie psychische und psychosomatische Erklärungsmuster für diese Erkrankungen herangezogen (BLANCK et al., 1995; ROBERTS, 1995; ROBINSON, 1995; LANDRIGAN, 1997).
Die Exposition der Golfkriegsveteranen gegenüber neurotoxischen C-Waffen, Pestiziden oder Insektenrepellents ist bis heute alles andere als gut aufgeklärt. Offiziell war kein Einsatz von C-Waffen erfolgt und eine ständige Überwachung der Umgebungsluft durch Meßgeräte der US-Armee bestätigten angeblich diese Aussage. Allerdings lösten die aufgestellten, äußerst empfindlichen Meßgeräte ständig Fehlalarme aus, die dann auf andere Ursachen zurückgeführt wurden. Tschechische Wissenschaftler konnten während des Golfkrieges dagegen geringe Luftkonzentrationen von Giftgasen in bestimmten Gebieten messen (BLANCK et al., 1995). Erst 1996 gab das amerikanische Verteidigungsministerium zu, daß eine Exposition von ca. 15.000 Soldaten gegenüber C-Waffen nach der Sprengung eines Munitionsdepots, in denen solche Kampfstoffe lagerten, durchaus möglich gewesen ist (GREENBERG, 1996).
Pyridostigminbromid ist ein zugelassenes Medikament, das den Soldaten zur Prävention für den Fall eines C-Waffen-Alarms gegeben wurde. Pyridostigmin bindet reversibel an die Acetylcholinesterase, dadurch werden die Bindungstellen für Organophosphate blockiert und eine irreversible Blockade des Enzyms durch organophosphathaltige C-Waffen wird verhindert. Pyridostigmin bindet jedoch auch an periphere Esterasen, die z.B. an der metabolischen Entgiftung von Pyrethroiden beteiligt sind (SZINICZ, 1994; ABOU-DONIA et al., 1996). Etliche Soldaten klagten während der Einnahme über mehr oder weniger schwere Nebenwirkungen des Medikaments (HALEY und KURT, 1997).
Die Anwendung und Verbreitung von Pestiziden im Golfkrieg ist ebenfalls unklar. Zunächst wurde sowohl von dem britischen als auch dem US-amerikanischen Verteidigungsministerium angegeben, daß insgesamt sehr wenig Pestizide eingesetzt wurden und auch die Soldaten entsprechende Mittel nur wenig nutzten. Erst Ende 1996 wurde von einem Mitarbeiter des britischen Verteidigungsministeriums eingeräumt, daß die Anwendung von organophosphathaltigen Pestiziden wesentlich weiter verbreitet war als vorher offiziell zugegeben worden war (O´BRIEN, 1996). Zusätzlich benutzte eine nicht bekannte Anzahl von Soldaten sogenannte Flohhalsbänder, die Chlorpyrifos (ein Organophosphat) enthielten. Die Uniformen sollten weiterhin zur Abwehr von Insekten mit dem Insektizid Permethrin imprägniert werden. Andererseits war die Kapazität der entsprechenden Fabriken nicht ausreichend, so daß Spraydosen mit einem permethrinhaltigen Produkt an Soldaten verteilt wurde, damit sie die Uniformen selbst imprägnieren konnten. Nach BLANCK et al. (1995) hatten jedoch nur etwa 5% der Soldaten Zugang zu diesen Spraydosen. Diese Daten beruhen jedoch vor allem auf den Angaben von Ausschüssen des Pentagon. Und diese Angaben hatten sich schon bei den möglichen Expositionen gegenüber C-Waffen und organophosphathaltigen Pestiziden als nicht ganz richtig erwiesen. Inwieweit die Soldaten gegenüber Pyrethroiden exponiert waren ist also im Grunde ungeklärt.
Zur Insektenabwehr wurde das auch in dem bekannten Mittel Autan enthaltene DEET (N,N-diethyl-m-Toluamid) eingesetzt. DEET kann in Überdosierung durchaus neurologische Nebenwirkungen haben (HALEY und KURT, 1997). Die Anwendungshäufigkeit ist wiederum unklar. Mitarbeiter von Armee-nahen Forschungsinstituten sprechen von sehr geringer Anwendung der Mittel (McCAIN et al., 1997).
Studien des amerikanischen Verteidigungsministeriums zur Klärung der Erkrankungen der Golfkriegsveteranen kamen zu dem Schluß, daß bei den untersuchten Veteranen lediglich psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen, kriegsbedingte Streßerkrankungen (Posttraumatic Stress Disorder =PTSD) und Anpassungsstörungen häufiger aufgetreten seien als in vergleichbaren Bevölkerungsgruppen. Weiterhin seien chemische Faktoren für die Erkrankungen bedeutungslos (REVELL, 1995). Dagegen fanden MILNER et al. (1994), daß auf die erkrankten Soldaten weder die Diagnose PTSD noch andere psychiatrische Diagnosen zutrafen.
ABOU-DONIA et al. (1996a+b) stellten in Tierexperimenten mit Hühnern fest, daß die Substanzen Pyridostigminbromid und DEET und Permethrin bzw. Chlorpyrifos gemeinsam eine synergistische neurotoxische Wirkung entfalten. Bei den Hühnern wurden neurologische Ausfälle und pathologische Effekte an Axonen beobachtet, die sonst erst bei sehr viel höheren Dosen an DEET und Permethrin bzw. Chlorpyrifos auftreten. Dies wurde von den Autoren u.a. darauf zurückgeführt, daß der Einsatz von Pyridostigmin die Abbaurate von Permethrin und DEET im Körper senkt und ihre Neurotoxizität im Gegenzug erhöht. Die Ergebnisse hinsichtlich der synergistischen Wirkung von Pyridostigmin, DEET und Permethrin wurden von McCAIN et al. (1997) an Ratten bestätigt. Jedoch bleibt die Frage offen, ob die Soldaten gegenüber diesen Substanzen überhaupt exponiert waren und wenn ja, wie hoch die Exposition war.
HALEY et al. (1997a+b) und HALEY und KURT (1997) führten daraufhin drei zusammenhängende epidemiologische Studien durch und schlossen aus ihren Ergebnissen:
1. daß es möglich war, drei relativ scharf umrissene neurologische Symptomenkomplexe bei einer Anzahl von Golfkriegsveteranen zu beschreiben, die nicht durch andere Erkrankungen erklärt werden konnten: I. das "Impaired-Cognition-Syndrome", II. das "Confusion-Ataxia-Syndrome" und III. das "Arthromyo-Neuropathy-Syndrome".
2. daß die drei Symptomenkomplexe verschiedene Schweregrade einer generalisierten Schädigung des Nervensystems durch die Einwirkung neurotoxischer Verbindungen darstellen
3. daß das Verwenden eines Flohhalsbands (Chlorpyrifos) signifikant mit den Symptomen des ersten Symptomenkomplexes korrelierte
4. daß das Auftreten von Symptomen des zweiten Symptomenkomplexes mit der Vermutung gegenüber chemischen Kampfstoffen exponiert gewesen zu sein und mit dem Aufenthalt in einer bestimmten Sektion des Kriegsgebietes korrelierte
5. daß das Auftreten des dritten Symptomenkomplexes mit der häufigen Verwendung von DEET in hochprozentiger Lösung korrelierte
6. daß ein Teil der Golfkriegsveteranen relativ empfindlich mit deutlichen Nebenwirkungen auf das Medikament Pyridostigminbromid reagierte und daß das Auftreten dieser Empfindlichkeit zusätzlich mit dem Auftreten der Symptomenkomplexe II und III korrelierte und möglicherweise eine erhöhte Vulnerabilität dieser Soldaten gegenüber Substanzen, die das Nervensystem beeinflussen oder schädigen können, anzeigt.
Diese Erkenntnisse sind auch für Deutschland aktuell. Außer durch Pyridostigmin werden die peripheren Esterasen auch z.B. durch Tri-o-Kresylphosphat und andere Organophosphate gehemmt. Diese Substanzen werden in Deutschland bei Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen zum Teil gemeinsam mit Pyrethroiden wie z.B. Permethrin eingesetzt. Piperonylbutoxid, das ebenfalls als Wirkungsverstärker mit Pyrethroiden gemeinsam verwendet wird, hemmt Oxidasen, die an dem Abbau von Pyrethroiden ebenfalls beteiligt sind (DALVI und DALVI, 1991). MAREI et al. (1982) fanden, daß unter der Einwirkung von Piperonylbutoxid bzw. Tri-o-Kresylphosphat die Aufnahme von Permethrin in das Gehirn um das 4-9fache gesteigert ist.
Aufgrund der Häufigkeit der Verwendung der genannten Verbindungen in Innenräumen besteht hier aus Gründen des vorsorglichen Gesundheitsschutzes ein immenser Forschungs- und Aufklärungsbedarf. Mischexpositionen dieser Art müssen bei der toxikologischen Bewertung solcher Schadstoffe wesentlich stärker berücksichtigt werden, als dies heute meist der Fall ist.